Ein Bindestrich mit Bedeutung
Der Bindestrich im Namen ist Programm, denn der Natur-Park Schöneberger Südgelände ist kein Park mit gestutzten Hecken und akkuraten Rasenkanten. Vielmehr ist er eine 18 Hektar große Naturoase mitten in der Stadt. Hier darf die Natur tun, was sie am besten kann: sich ihren Raum zurückerobern.
Zwischen Unterholz und alten Schienensträngen bahnen sich Birken, Robinien und Sträucher ihren Weg. Dazwischen erstrecken sich lichte Trockenwiesen, erfüllt vom Summen und Zirpen der Insekten. Ihre Offenheit verdanken sie der Beweidung durch Schafe, die den Aufwuchs auf schonende Weise kurz halten.
Vom Rangierbahnhof zur Stadtwildnis
So friedlich wie heute ging es an diesem Ort nicht immer zu. Ende des 19. Jahrhunderts entstand hier der Rangierbahnhof Tempelhof, auf dem Güterzüge für die wachsende Hauptstadt zusammengestellt wurden. Der 50 Meter hohe Wasserturm, die überwachsenen Gleise und eine Dampflokomotive zeugen bis heute von dieser Zeit. So wird der Rundgang zu einer Wanderung durch ein Stück Berliner Industriegeschichte.
Mit der Teilung der Stadt kam der Betrieb zum Erliegen, um 1952 wurde der Bahnhof endgültig stillgelegt. Was folgte, waren Jahrzehnte der Ruhe, in denen Pflanzen und Tiere das Gelände Stück für Stück zurückgewannen. Als die Reichsbahn die Fläche Mitte der 1970er-Jahre wieder für den Bahnverkehr nutzen wollte, setzte sich unter anderem die Bürgerinitiative „Schöneberger Südgelände“ erfolgreich für ihren Erhalt ein.
Seit 1999 steht das Südgelände unter Natur- und Landschaftsschutz. Heute lebt hier eine bemerkenswerte Vielfalt an Arten, für die anderswo in der Stadt kaum noch Platz ist.
Die Blickrichtung wechseln
Organisiert von der AG Biodiversität, führte Derk Ehlert die Teilnehmenden aus den Mitgliedsunternehmen des InfraLab durch das Gelände im Berliner Süden. Der Wildtierreferent des Landes Berlin ist vielen aus Funk und Fernsehen bekannt und kennt die Stadtnatur wie kaum ein anderer.
Die erste Begegnung gab es schon vor dem offiziellen Start: Am S-Bahnhof Priesterweg nahm ein Eichhörnchen die Gruppe in Empfang. Damit war die Blickrichtung vorgegeben. Zunächst wanderten die Augen in die Baumkronen und zum Himmel, über den in diesen Wochen die Zugvögel gen Süden ziehen. Später richtete sich der Blick nach unten. Im hohen Gras entdeckte die Gruppe eine Gottesanbeterin, die neugierig bis auf die Brille eines Teilnehmenden kletterte.
Ganz nebenbei gelang Derk Ehlert so etwas Bemerkenswertes: In dieser einen Stunde lernte die Gruppe, genauer hinzusehen, aufmerksamer zuzuhören und der Natur mit mehr Achtsamkeit zu begegnen.
Derk Ehlert weitete den Blick über diesen einen Ort hinaus. „Tiere und Pflanzen halten sich nicht an Grundstücksgrenzen. Für sie zählt, ob es in der Stadt genug Orte gibt, an denen sie Nahrung und Schutz finden“, sagt der Wildtierreferent. „Je mehr Menschen das selbst erleben, desto besser stehen die Chancen für die Artenvielfalt in Berlin.“
Was Infrastruktur von einem alten Rangierbahnhof lernen kann
Das Südgelände zeigt eindrucksvoll, wie gut Infrastruktur und Natur zusammenpassen.
„Für mich hat dieser Ausflug aufs Südgelände gezeigt, dass für Biodiversität jede Fläche zählt. Auch kleinere Flächen können extrem wertvoll sein. Diesen Gedanken nehmen wir auch für unsere eigenen Standorte mit: Infrastrukturflächen können ihre technische Funktion erfüllen und gleichzeitig Raum für Natur bieten.“, sagt Gunnar Heller, zuständig für Biodiversität und Ressourcenschutz bei Stromnetz Berlin.
Die Exkursion hat den Blick dafür geschärft, wie viel Potenzial für biologische Vielfalt auf den Flächen unserer Mitgliedsunternehmen steckt und wie wenig es manchmal braucht, um es zu nutzen.




