Smart City geht nicht ohne Daseinsvorsorge.

Die stellvertretende Vorsitzende des Vereins InfraLab Berlin e.V., Regina Gnirß von den Berliner Wasserbetrieben, spricht im Interview.

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Die stellvertretende Vorsitzende des Vereins InfraLab Berlin e.V., Regina Gnirß von den Berliner Wasserbetrieben, spricht im Interview über die Herausforderungen für die Infrastrukturunternehmen in der wachsenden Metropole Berlin in Bezug auf Nachhaltigkeit und Lebensqualität.

Das InfraLab Berlin ist ein ziemlich „außergewöhnlicher“ Zusammenschluss von Infrastrukturbetreibern. Mit welcher Zielstellung haben Sie sich mit den anderen Partnern zusammengetan und das InfraLab gegründet? Welche konkreten Vorteile ergeben sich für die einzelnen Mitglieder, z.B. für die Berliner Wasserbetriebe?

Grundsätzlichen unterstützen wir die Smart City Strategie der Stadt Berlin und beteiligen uns mit dem Ziel, eine gemeinsame Innovationsplattform zu generieren. Als relevante Herausforderungen sehen wir die Digitalisierung und den Klimaschutz. Im Kontext Digitalisierung spielen Daten eine große Rolle: Big Data, Smart Data, Shared Data. Wir erzeugen als Infrastrukturbetriebe täglich viele Daten, mit denen wir die Stadt smarter und lebenswerter gestalten können.

Mit dem stetigen Austausch und der Unterstützung des InfraLab Berlin durch die Wirtschaftsverwaltung Berlins werden Smart City-Themen vorangetrieben und so die Innovationskraft der InfraLab-Unternehmen gebündelt. So bauen wir im Projekt SENSARE gemeinsam mit Partnern und Startups aus dem IKT-Bereich ein Sensornetz zum Schutz vor Überflutungen bei Starkregenereignissen auf.

Und in Abstimmung mit der Senatsverwaltung für Umwelt, Verkehr und Klimaschutz sowie der Bildungsverwaltung haben wir das Projekt KlimaMacher ins Leben gerufen (www.klimamacher.berlin). Mit dieser Plattform wird Lehrkräften von Schüler*innen ab Klasse 5 ein Unterrichtsprogramm für eine Projektwoche zum Thema Klimaschutz und Nachhaltigkeit bereitgestellt. Schüler*innen werden damit befähigt, die Zusammenhänge von Klimawandel und Nachhaltigkeit im Kontext der städtischen Infrastruktur Berlins – d.h. zu den Themen Abfall. Energie, Mobilität und Wasser – zu verstehen.

Mit welchen Themenschwerpunkten beschäftigt sich das InfraLab Berlin gerade? Haben Sie schon Smart-City-Projekte umgesetzt, die man in der Öffentlichkeit wahrnehmen kann?

Über Digitalisierung und Klimaschutz hinaus gibt es natürlich weitere Projektschwerpunkte – so zum Beispiel im Bereich Elektromobilität.

Dabei steht das Thema Ressourceneffizienz jeweils stark im Vordergrund, denn in den gemeinsamen Projekten arbeiten die Innovationsmanager*innen der Unternehmen zum Beispiel an einer gemeinsamen und eben nicht an je einer Datenplattform. So auch im Projekt Smart eFleets. Da alle Partner das Thema Fuhrparkelektrifizierung auf der Agenda haben, werden wir in diesem Projekt mögliche Synergien zwischen den Unternehmen zur Reduzierung des CO²-Ausstoßes heben. In Smart eFleets betreiben wir eine gemeinsame E-Flotte mit dem Ziel „Zero Emissionen im Verkehr“ und verringern den Flächen- und Ressourcenbedarf durch Sharing der Fahrzeuge. Ebenso werden in dem Projekt Schnellladesäulen auf den Betriebsstellen der Infrastrukturunternehmen im Stadtgebiet aufgebaut, die das gemeinsame Laden ermöglichen und so die spezifischen Kosten verringent. Diese sind strategisch im Stadtgebiet aufgeteilt – es macht ja auch wenig Sinn, dass sie alle ums Rote Rathaus stehen! So vermeiden wir Parallelstrukturen. Bei der dafür entwickelten gemeinsamen Plattform tauchen auch schnell rechtliche bzw. Fragen zur DSGVO auf. Diese Erfahrungen sind in der politischen Diskussion hilfreich und geben wichtige Impulse an die Politik.

Warum sind die Infrastrukturbetriebe wichtige Akteure für die Smart City Berlin und wie definieren Sie die Rolle des InfraLab?

Smart City geht nicht ohne Daseinsvorsorge. Der Zusammenschluss der sechs großen Infrastrukturbetreiber Berlins im InfraLab Berlin ist eine große Chance, “das Smarte“ voranzutreiben – dass Lösungen kompatibel sind, dass neue Technologien schneller ausgerollt werden können. Beim ProjektSENSARE könnte die Gefahrenkarte für Überflutungen für das Referenzgebiet in Friedenau zum Beispiel auf ganz Berlin übertragen werden.

Wir schauen uns auch sehr genau an, was in anderen Städten passiert, zum Beispiel in Kopenhagen, Barcelona und Wien. Wir haben auch dort mit unseren Kollegen aus den jeweiligen Infrastrukturen ein starkes Netzwerk aufgebaut –Smart City braucht den Austausch und das Aufbrechen von Einzeldenken. Daher haben wir uns von der ersten Stunde an aktiv im Smart City Netzwerk engagiert und freuen uns ganz besonders über die erfolgreiche Smart City-Bewerbung.

Dabei ist das gemeinsame Lernen der Infrastrukturbetriebe und die Begeisterungsfähigkeit für Neues für Innovationsprozesse ungemein wichtig! Manchmal muss man bei Projekten aber auch abspecken, mal sagen “das geht nicht, das müssen wir anders lösen“. Aber wenn man es zu sechst angeht, hält man auf jeden Fall länger durch und findet auch Lösungen!

Welche aktuellen Best Practices in Berlin gefallen Ihnen darüber hinaus besonders gut?

Das Projekt „urbane Wärmewende in Berlin“ wird vom Institut für ökologische Wirtschaftsforschung geleitet. Es zeigt Berliner Politikakteuren auf Landes- und kommunaler Ebene, wie die Wärmeversorgung in Städten klimaneutral werden kann. Für eine erfolgreiche Wärmewende im Gebäudebereich sind zwei Dinge wichtig: Der Wärmebedarf von Gebäuden muss reduziert und der Anteil erneuerbarer Energien und Abwärme an der Wärmeversorgung gesteigert werden.

Nach einigen Jahren auf dem EUREF-Campus zieht das InfraLab nun um. Worauf kann sich der neue Ort besonders freuen?

Richtig, wir waren vier Jahre auf dem EUREF-Campus, das war eine sehr gute Zeit.

Insbesondere für das Thema E-Mobilität konnten wir dort Impulse erhalten und unsere Aktivitäten für die Community transparent machen. In dem Bereich E-Mobilität ist auf dem EUREF eine tolle, innovative Kultur vorhanden. Wir haben auch neue Formate mit Start ups kennengelernt und kreative Lösungen erprobt. Für die Infrastrukturunternehmen hat sich ein enormer Mehrwert ergeben.

Zukünftig werden wir uns räumlich etwas verkleinern. Wir möchten uns beispielsweise mehr auf politische Dialoge fokussieren, um Infrastrukturthemen innovativer zu gestalten. Insgesamt möchten wir flexibler werden und auch stärker in die politische Smart-City-Diskussion eintreten. Das InfraLab 2.0 hat das Ziel, stärker als eigenständiges Netzwerk mit Lösungen wahrgenommen zu werden und direkt auf relevante Entscheidungsträger zuzugehen. Das heißt zusammengefasst: Weniger Fläche vor Ort, aber deutlich mehr Gespräche. Wir sind zuversichtlich, dass uns das gelingt!

Wie sieht für Sie die Stadt der Zukunft aus?

Ich bin ein haptischer Mensch und für mich gibt es nach InfraLab 1 und 2 die Nummer 3 und dann würde ich gerne an einem Zukunftsort sein, an dem wir zeigen können, dass durch die gemeinsame Flächennutzung der Ressourcenverbrauch geringer wird. Mehr Synergien statt immer mehr Verdichtung! InfraLab 3.0 heißt für mich, dass wir wirklich an einem Ort sind, in dem man auch etwas anfassen kann, wo man das InfraLab haptisch erfahren kann. Klimawandel – das ist nicht nur CO2 einsparen, sondern Berlin im Sommer durch grüne und blaue Infrastruktur runterkühlen: die Stadt muss auch wortwörtlich grüner werden!

Beenden Sie bitte folgenden Satz: Berlin ist smart, …“

...weil die Innovationsmanager*innen der Infrastrukturunternehmen gemeinsam kreative Ideen für ein smartes Berlin erzeugen. Das ist für mich wirklich ein Highlight! Ich bin auch in europäischen Netzwerken unterwegs, aber es gibt in keiner anderen europäischen Stadt ein Netzwerk der Infrastrukturunternehmen mit einer gemeinsamen Vision für ihre Stadt.

 

Das Interview ist auf smart-city-berlin.de erschienen.
Titelfoto: Berliner Wasserbetriebe / Jack Hoyer